Feine Stäube / Partikel sind eine reale Gefahr für…

Der Herr Professor Hetzel aus Bad Cannstatt irrt sich oder hat anatomische und physiologische Grundlagen aus dem meizinischen Studium vergessen. Zustimmen kann ich nur was die vermeintlich sauberer gewordene Luft um uns herum betrifft: Die älteren Bürger können sich noch erinnern, daß früher jede Woche der Fenstersims von Staub  und Ruß gereinigt werden musste. Die Ursache hierfür waren die Grob-Stäube die für uns Menschen gesundheitlich viel weniger bedenklich sind da diese nicht tief in unsere Lunge eindringen können.

Durch den technischen Fortschritt und bessere Filter in der Industrie, der Müllverbrennung etc sind diese Grob-Stäube (größer 3 Mikrometer) heutzutage dramatisch weniger geworden. Dafür aber sind die Fein- und Feinst-Stäube sowie die ultrafeinen Partikel sehr viel mehr geworden. Da wir keinen Staub mehr auf dem Fenstersims sehen glauben wir, daß unsere Atemluft auch in den Städten sauberer geworden ist. Das aber ist ein Irrtum.

Die gesundheitlichen Gefahren durch diese kleinen Partikel (kleiner 2,5 Mikrometer, insbesondere Kohlenstoff aus der Verbrennungsprozessen der Industrie, Automotoren, Heizungen) und anderen, auch gasförmigen Bestandteilen der Atemluft, haben erheblich zugenommen. Diese kleinen Partikel mit den daran anhaftenden Fremdstoffen dringen bis in unsere Lungenbläschen vor und werden dort zu fast einhundert Prozent vom Organismus aufgenommen (NESSEL et al, 1990) . Ursache für akute, aber auch chronische Entzündungsprozesse in den Geweben, den Blutgefäßen und im Immunsystem. Deshalb steigen bei diesen höheren Fein- und Feinst-Staub-Belastungen der Atemluft die Asthma-Anfälle, Bronchialerkrankungen und Herzinfarktraten deutlich an.

Der grösste Teil der Partikel in den Feinstäuben hat in der Luft nur ganz geringe Absinkgeschwindigkeiten. Die Teilchen der Feinst-Stäube verhalten sich wie Moleküle von Gasen und verbleiben Tage bis Wochen in der Luft. Das bedeutet, daß sie sich bei wenig Wind (Inversionswetterlagen) anreichern. Das Absinken wird begünstigt wenn sich diese Teilchen durch Feuchtigkeit in der Luft aneinander anlagern und größer werden (GIETL, 2005). Höhere Windgeschwindigkeiten reduzieren ebenfalls die Partikelzahlen (ALDRIN und HAFF,2006). Regen ist ein sehr effektiver Entfernungsmechanismus der Partikel aus der Atemluft.

Untersuchungen am Leibnitz-Institut und UFZ in Leipzig 2011 haben gezeigt, daß bei Zunahme um eintausend Partikel pro Kubikzentimeter in der Atemluft die Einsätze der Notarztwagen wegen Asthmaanfällen und Herzinfarkten um fünf Prozent zunehmen. Es wurde bei diesen Untersuchungen auch belegt, daß nicht nur die Masse des  Feinstaubs große gesundheitliche Bedeutung hat sondern auch die Anzahl der Partikel pro Kubikzentimeter.

Angesichts dieser Sachverhalte wird verstehbar, warum die WHO und US-EPA die durch Feinstaubbelastungen entstehenden Kosten mit ca 1,8 Prozent des BiP (Bruttoinlandsprodukt) in Deutschland bewerten. Verursacht durch Verbrennungsprozesse und verkehrsbedingte Emissionen. Deren gesundheitliche Folgekosten betragen für Deutschland 14,8 Milliarden Euro im Jahr zuzüglich einer um 1,5 bis 2 Jahre verminderten Lebenserwartung.

Zur Erinnerung:

In London gab es im Dezemebr 1952 eine Katastrophe durch massive Luftbelastungen mit Partikeln, insbesondere durch den Rauch aus der Kohleverbrennung (Heizungen) mit ca 4.000 akuten Todesfällen, über 100.000 durch Lungenerkrankungen akut und ernsthaft Erkrankten. Damals entstand der Begriff SMOG (smoke und fog – Rauch und Nebel).
Wissenschaftler der Havard-Universität in den USA haben von 1973 bis 1993 in sechs US-amerikanischen Städten ca 8.000 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger über zwanzig Jahre untersucht. Diese Ergebnisse wurden 1993 von Dockerey und Mitstreitern veröffentlicht: es bestand ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen vorzeitigem Tod und Belastungen der Atemluft mit Feinstäuben, Partikeln und Schwefeldioxid. Ganz besonders bei Lungenkranken. Dies auch unter Berücksichtigung vieler anderer Faktoren wie Rauchen, Bildung, Gewicht u.a. Seit dieser Zeit ist dieser Zusammenhang klar – auch wenn die allerletzten Feinheiten trotz weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen weltweit noch nicht ganz verstanden sind.
Diese Zahlen und Daten sprechen für einen dringlichen Handlungsbedarf und gegen eine Verharmlosung seitens mancher Ärzte (Professor Hetzel) und Ministerialien (Prof. Hammann, Ministerialdirektor im Sozialministerium Baden-Württemberg). Diese Herren planen eine neue Studie zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Feinstäuben und Partikeln. Das Land BaWü finanziert diese mit Millionen Euro Steuergeldern und unterstützt damit die Charite in Berlin.

Dr.med. Michael P. Jaumann    Arzt für HNO, Umweltmedizin, Stimm- und Sprachstörungen,            Belegarzt in der Klinik am Eichert in Göppingen,  Deutscher Berufsverband der HNO-Ärzte

Göppingen im Juli 2017

Gesundheitliche Wirkungen inhalierbarer Fein- und Feinst-Stäube aus Verbrennungsprozessen (MVA)…

Für die gesundheitlichen Auswirkungen beim Menschen, insbesondere in der Lunge, sind durch Oberdörster G. et al und anderen Forschergruppen in den letzten 20 Jahren viele Daten vorgelegt worden. Diese zeigen, daß insbesondere die Anzahl und Größe der Partikel sowie deren Oberflächen mit daran angelagerten Stoffen (Metalle, Gase etc) eine entscheidende Rolle für die biologische Wirksamkeit spielen.

So konnte Oberdörster et al bereits Mitte der 1990er Jahren zeigen, daß Mäuse in einer aus bestimmten Gasen zusammengesetzten Atmosphäre ohne Probleme leben konnten. Dies sich aber dramatisch veränderte sobald kleine Partikel (<2,5 Mikrometer) in diese Luft eingeblasen wurden. Mit diesen kleinen Partikeln, die zu fast einhundert Prozent in den Lungenbläschen vom Organismus aufgenommen werden, wurden auch auf den Oberflächen angelagerte Gasmoleküle mit aufgenommen: das führte zu einer massiven Erhöhung der Toxizität (Giftigkeit) sodaß viele der Versuchstiere daran verstarben.

Heutzutage gilt als sicher, daß feine (<2,5Mikrometer) oder ultrafeine Partikel (UFP <0,2Mikrometer) bzw Stäube, die bis in die Lungenbläschen vordringen wesentliche stärkere Entzündungsreaktionen auslösen wie größere Partikel (>2,5Mikrometer) gleicher chemischer Zusammensetzung. So enthalten auch Flugaschen aus technischen Verbrennungsanlagen oder Müllverbrennungsanlagen (MVA) UFP die zu den biologischen Wirkungen beitragen (Wottrich et al, 2004).

Ein wichtiger Hinweis wurde von Smith und seiner Arbeitsgruppe (1998) geliefert: unter physiologischen Bedingungen mobilisierbares Eisen (Fe) war vor allem in der Feinstaubpartikelfraktion (<2,5 Mikrometer) enthalten.

Forscher im Forschungszentrum Karlsruhe (S.Diabate et al, 2013 – BWB) haben Untersuchungen zu den Gesundheitseffekten durch inhalierbare Feinststäube aus technischen Verbrennungsanlagen gemacht und hierbei Flugaschen aus Müllverbrennungsanlagen genommen (MVA des FZKA: Tamara). Diese haben eine Vielzahl interessanter und wichtiger Aspekte erbracht.

Zusammenfassend wird dort dargestellt: Ein wichtiger Aspekt für die stärkere biologische Wirkungen der kleinen Partikel ist, daß die bei Verbrennunsgtemparaturen (z.B. einer MVA) flüchtigen Metalle Blei (Pb), Cadmium (Cd) und Zinn (Zn) sowie organische Verbindungen (PCBs, Dioxine, Furane) in der Ankühlphase der Rauchgase auf der Oberfläche der Aluminiumsilikatkerne und anderen Partikeln kondensieren (und anhaften). Es werden dabei beträchtliche Mengen vor allem auf den kleineren Partikeln abgelagert.

Hier schließt sich der Kreis: diese kleineren Partikel gelangen bei Menschen bis in die Lungenbläschen und werden mit den daran anhaftenden Stoffen zu nahezu einhundert Prozent vom Organismus aufgenommen. Dies führt zu immunologischen und entzündlichen Reaktionen im Lungengewebe, den Lymph- und Blutgefäßen. Des weiteren werden diese Teilchen mit Ihrer Fracht im ganzen Körper verteilt.

Dr. Michael P. Jaumann    Arzt für HNO und Umweltmedizin         (auf Anfrage erstellt im Juli 2017)

 

Dr. Michael P. Jaumann
Deutscher BV HNO-Ärzte