Duales System Deutschland im Wandel Remondis greift nach Grünem…

In der deutschen Müll- und Recyclingbranche bahnt sich eine weitere Verschiebung an. Noch in dieser Woche könne der Einstieg des Branchenriesen Remondis beim Grünen Punkt-Eigner DSD – Dualen System Deutschland Holding besiegelt werden. Das berichtet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ).

Remondis könne demnach den 80-prozentigen Anteil der Finanzinvestoren H.I.G. und Blue Bay an dem Kölner Recyclingspezialisten übernehmen. DSD ist eines von neun dualen Systemen in Deutschland, gilt aber mit einem Anteil von 35 Prozent als Marktführer.

Das zur Rethmann-Gruppe gehörende Remondis ist hiesiger Marktführer unter den Entsorgungsunternehmen – vor Alba und Veolia. 2017 fuhr das Unternehmen mit Sitz in Lünen einen Umsatz von 7,3 Milliarden Euro ein und beschäftigt rund 33.000 Mitarbeiter. Die Nummer zwei in Deutschland ist Alba, das 2016 auf einen Umsatz von 1,8 Milliarden Euro kam.

Die Verhandlungen zwischen Remondis und den Eigentümern des Grünen Punkts sollen bereits seit Anfang 2017 laufen, berichtet die FAZ. Zwischenzeitlich sollen die Gespräche kurz vor dem Scheitern gewesen sein, da man sich nicht auf einen Preis einigen konnte. Die Unternehmen wollten sich dem Bericht zufolge jedoch nicht zu Marktgerüchten äußern. Eric Rehbock, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Sekundärstoffe und Entsorgung (BVSE) warnte in der Zeitung vor einer weiteren Marktkonzentration.

Einer der größten Kunden der DSD Holding ist DiscounterAldi, aus dessen Märkten circa ein Zehntel aller Kunststoffverpackungen stammen, die über die gelbe Tonne oder gelben Sack eingesammelt werden. Aldis Konkurrent Lidl wechselte zuletzt von DSD zur Interseroh von Alba, baut aber derzeit sein eigenes Recyclingsystem aus. Käme das Geschäft zustande, müsste das Bundeskartellamt der Übernahme zustimmen.

Lesen Sie auch:

„Helden der Halde“: Mit robusten Methoden dominiert die Familie Rethmann das Entsorgergeschäft

Start-up: Das „Uber der Müllabfuhr“ – Milliardenwette für die Deponie?

Müllgebühren rufen Kartellamt auf den Plan

Erst in der vergangenen Woche hatte die Weltbank vor einer vehementen Zunahme des weltweiten Müllberges gewarnt. Die Menge des rund um den Erdball produzierten Mülls werde bis zum Jahr 2050 um 70 Prozent steigen. Derzeit würden weltweit pro Jahr 2,01 Milliarden Tonnen Müll pro Jahr produziert. Dieser Wert werde durch Bevölkerungszunahme und zunehmende Urbanisierung auf 3,4 Milliarden Tonnen steigen, hieß es. Es mache wirtschaftlich Sinn, in Recycling- und Müllmanagementsysteme zu investieren, lautete die Empfehlung.

Milliarden Tonnen an Plastik wurden bereits produziert, für Verpackungen, als Baumaterial, als Grundstoff für besonders langlebige Produkte und vieles mehr. Doch Plastik vermüllt zunehmend den Planeten und wird zur Gefahr für die Menschheit. Lesen Sie alles über Produzenten, Verbraucher, Lösungsansätze.Weiterleitung zum Thema Plastik
Vor wenigen Tagen hatten zudem mehrere Großkonzerne wie Coca-Cola, Unilever, Dow Chemicals und der US-Einzelhandelsriese Walmart sich verpflichtet, zum Kampf gegen die Verschmutzung der Meere durch Plastikmüll beizutragen. Die Unternehmen erklärten ihre Unterstützung für die G7-Charta zum Kampf gegen die Vermüllung der Meere, die Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada und die EU im Juni beim Gipfeltreffen der G7-Gruppe unterzeichnet hatten. Japan und die USA hatten sich jedoch nicht angeschlossen.

akn mit dpa
https://www.manager-magazin.de/unternehmen/industrie/duales-system-deutschland-remondis-vor-einstieg-in-gruener-punkt-a-1229671.html

Kommentar: Helge Thiele zur Kritik an Nicole Razavi: Politik…

Man sollte den Rückhalt von Nicole Razavi in der Kreis-CDU nicht unterschätzen. Vor allem im oberen Filstal hat sie viele Unterstützer, aber eben nicht nur dort. Und wenn ein innerparteilicher Kritiker ausgerechnet in einem anonymen Brief eine „offene“ Diskussion fordert, dann klingt das einigermaßen bizarr. Trotzdem ist Razavi nach 21 Jahren an der Spitze des CDU-Kreisverbands nicht mehr unumstritten: Die an Kommunen wie Göppingen, Heiningen, Eschenbach und vielen Bürgern vorbei getroffene Entscheidung der CDU-Kreistagsfraktion für mehr Müllverbrennung wird auch Razavi angelastet. Als Kreisrätin hat sie zusammen mit Fraktionschef Wolfgang Rapp aus Geislingen den Göppinger OB und Parteikollegen Guido Till mit dessen Vorschlägen für eine alternative Müllpolitik komplett ins Leere laufen lassen. Das klare Votum des Göppinger Stadtparlaments interessierte Razavi nicht. Wenn es um Windkraft geht, ist offenbar alles anders. Da unterzeichnet Razavi einen Brief an Landrat Edgar Wolff mit der Forderung, die im Nassachtal geplanten Windräder abzulehnen. Die CDU-Kreisvorsitzende bezieht sich dabei auf das Nein aus Uhingen und Ebersbach und schreibt: „Dass der Landkreis gegen die klare Haltung der Gemeinderäte beider Städte entscheidet, halten wir für nicht denkbar.“ Finde den Fehler!

Wir geben uns den Rest

Erschienen im ÖKO-TEST Magazin 10 ·2017.

Abfallvermeidung ist in Deutschland oberstes Gesetz, so will es das Kreislaufwirtschaftsgesetz. Doch tatsächlich werden wir zugemüllt. Die Bürger sind genervt, die Umwelt leidet – während Industrie und Entsorger profitieren. -Von Karin Vogelsberg. Die Kundschaft von Berit Heller erkennt man an ihrer Ausrüstung – alle haben einen Einkaufskorb dabei mit leeren Schraubgläsern, Vorratsdosen und Leinenbeuteln. Wer hier in der Dresdner Neustadt einkauft, weiß: Es gibt nichts Vorverpacktes. Müsli, Käse, Quinoa oder Seife werden in die selbst mitgebrachten Gefäße gefüllt. Spontane Einkäufer können sich Mehrwegbehälter ausleihen.

Der „Lose“-Laden mit Tante-Emma Charme versteht sich als Alternative zu Supermärkten, in denen der Verbraucher kaum noch die Wahl hat, verpackungslos einzukaufen. „Die Leute haben genug von herumfliegendem Müll und den allgegenwärtigen Kunststoffen. Viele fragen sich: Welche Welt wollen wir unseren Kindern hinterlassen?“, weiß Berit Heller. Vom  Studenten bis zum Rentner reicht die stetig wachsende Klientel. „Und das ist nicht nur die Birkenstock-tragende Müslifraktion“, unterstreicht die Geschäftsgründerin. Vor zwei Jahren machte sich die ehemalige Mitarbeiterin eines internationalen Konzerns mit ihrem Unverpackt-Laden selbstständig. Damals war ihr Geschäft das vierte seiner Art in Deutschland. Inzwischen sind es 35 – Tendenz steigend. Am Großteil der Deutschen geht dieser Trend allerdings bislang noch vorbei. Der durchschnittliche Bundesbürger produziert 614 Kilogramm Müll pro Jahr, so eine aktuelle Statistik der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Noch mehr Müll produzieren innerhalb Europas nur unsere Nachbarn Dänemark, Luxemburg und Schweiz. Bei Verpackungsabfällen sind wir Europameister: 220 Kilogramm sind es pro Kopf und Jahr. Laut Umweltbundesamt ist das Verpackungsaufkommen in Deutschland in nur 20 Jahren um 30 Prozent gestiegen.

220 Kilogramm Verpackungsabfall pro Kopf und Jahr: Bei uns
fällt so viel an wie in keinem anderen Land Europas.

Doch sollte der Müllberg nicht eigentlich schrumpfen? Schließlich haben wir ein  Kreislaufwirtschaftsgesetz, das klare Vorgaben macht. Demnach steht das Vermeiden an erster Stelle, gefolgt von Wiederverwertung, Recycling, sonstiger Verwertung – in erster Linie energetisch – und der Beseitigung an letzter Stelle. Und sind wir Deutschen nicht stolz auf unseren vorbildlichen Umgang mit den Resten unserer Wohlstandsgesellschaft? So dürfen seit 2005 in Deutschland keine Siedlungsabfälle mehr deponiert werden, wenn sie nicht vorher durch Verbrennen oder mechanisch-biologische Behandlung unschädlich gemacht wurden. Davon profitiert vor allem der Klimaschutz: Laut Bundesumweltministerium wurden seit 1990 die Methanemissionen aus Deponien um 71 Prozent gemindert. Das Gas entsteht, wenn Müll verrottet. Es verstärkt die Erderwärmung 25-mal mehr als die gleiche Menge Kohlendioxid.

Die Mülltrennung scheint den Bundesbürgern seit der Einführung des dualen Systems zu  Beginn der 1990er-Jahre in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Damals installierte die Wirtschaft ein neues Getrenntsammelsystem, weil die Politik die Hersteller in die Pflicht nahm und ihnen vorschrieb, Verpackungsmüll zu entsorgen. Dieser Produzentenverantwortung genügen Hersteller seitdem, indem sie Lizenzgebühren für Verpackungen bezahlen. Der Verbraucher wirft die lizenzierten Verpackungen in die gelbe Tonne oder den gelben Sack. Der Verpackungsabfall wird von Privatunternehmen wie dem
Dualen System Deutschland (DSD), Intersoh, Veolia, Landbell oder Belland-Vision abgeholt und geht dann an Sortier- und Verwertungsanlagen. Den Restmüll übernimmt die kommunale
Müllentsorgung.

Die gesetzliche Vorgabe für das Kunststoffrecycling von
Verpackungen wurde seit 15 Jahren nicht mehr angehoben.

Deutschlands Ziel ist die Kreislaufwirtschaft: Müll soll möglichst vollständig stofflich oder energetisch verwertet werden. So sollen die Wohlstandsreste dazu beitragen, den Ressourcenverbrauch zu senken und die Umwelt zu entlasten. Mülltrennung und Verwertung seien nirgendwo in Europa effizienter als in Deutschland, lobt die OECD. Das klingt gut, lässt für den Rest Europas allerdings Schlimmes befürchten, denn auch im vermeintlich vorbildlichen Deutschland läuft die Wiederverwertung nicht rund. Sascha Roth, Referent für Umweltpolitik beim Naturschutzbund Deutschland (NABU), stellt fest: „Knapp 15 Prozent unseres Ressourcenbedarfs decken wir über Sekundärrohstoffe. Da kann man nicht von Kreislaufwirtschaft sprechen. Einzelne Stofffraktionen wie gebrauchtes Glas und Papier werden tatsächlich zu 80 Prozent oder mehr wieder zu Rohstoffen verarbeitet. Wenn gelegentlich aber von bis zu 80 Prozent Kunststoffrecycling die Rede ist, hat man sich verrechnet. Und zwar mit Methode. Denn als recycelt gilt hierzulande nicht das, was am Ende der Verwertung rauskommt. Gemessen wird vielmehr der Input, also alles, was nach der Sortierung des Abfalls die Verwertungsanlagen erreicht – inklusive Fehlsortierungen, die gar nicht recycelt werden können. Während des Recyclingprozesses gehen noch einmal 10 bis 20 Prozent des Materials verloren. Andere EU-Staaten sind noch großzügiger und messen noch einen Arbeitsschritt früher. Bei ihnen gilt bereits alles als stofflich verwertet, was in den Sortieranlagen ankommt – komplett mit Verschmutzungen, Essens- und Flüssigkeitsresten. Gegen die Fantasie-Verwertungsquoten, die dabei herauskommen, will die EU mit ihrem Kreislaufwirtschaftspaket aktiv werden. Im Gespräch ist eine einheitliche und ehrliche Berechnung der Recyclingleistungen in ganz Europa. Noch ist aber nicht entschieden, ob und wann Europa beim Recycling ohne Tricks rechnet.

Tatsache ist: In Deutschland beträgt die gesetzliche Quote beim Kunststoffrecycling von   Verpackungen 36 Prozent. Die Vorgabe wurde seit 15 Jahren nicht mehr angehoben. Die Verwerter erreichen diese Quote locker. Machbar wären bereits heute 65 Prozent, wenn man alle Möglichkeiten ausschöpfen würde. Aber diese Mühe sparen sich die dualen Systeme. Lieber picken sie sich die Rosinen aus dem Sammelgut heraus – leicht zu recycelnde Materialien, die auf dem Rohstoffmarkt einen guten Erlös versprechen. Das reicht schon, um die Quote zu erfüllen. Den Rest, den man zum Teil durchaus stofflich aufbereiten könnte, schickt man in die Verbrennung.

Vieles, was stofflich aufbereitet werden
könnte, landet in der Müllverbrennung.

Ab 2019 soll sich das ändern. Denn dann tritt ein neues Verpackungsgesetz in Kraft, das die Recycling-Quote für Kunststoffverpackungen spätestens ab 2022 auf 63 Prozent hochschraubt; Glas, Papier und Metalle sollen die Systeme sogar zu 90 Prozent stofflich verwerten. „Die höheren Quoten werden wirtschaftliche Investitionen in die Recyclingtechnik nach sich ziehen“, hofft Sascha Roth. Diese neuen Quoten sind so ziemlich das Einzige, was Umweltverbände gut am neuen Verpackungsgesetz finden. Ihr Urteil: „Ambitionslos und kontraproduktiv für den Umweltschutz.“ So hat die Politik es wieder nicht geschafft, deutschlandweit die Wertstofftonne einzuführen, in der Verpackungen und stoffgleiche Nichtverpackungen – etwa kaputtes Spielzeug oder die löchrige Gießkanne – zusammen entsorgt werden können. Dabei ist die Wertstofftonne schon seit 2011 im Gespräch – allein, sie scheitert am Zank zwischen kommunalen und privaten Entsorgern. Es geht darum, wer die Tonnen finanziert, leert und über ihren Inhalt verfügen darf. So liegt die Entscheidung pro oder kontra Wertstofftonne auch weiterhin bei den einzelnen Städten und Gemeinden. Und so gehen nach Schätzungen des NABU weiterhin jährlich Hunderttausende Tonnen Wertstoffe verloren, weil die Bürger ausrangierte Gegenstände in den Restmüll werfen. Der Naturschutzbund appelliert deshalb an die Bundesbürger: Übt euch im intelligenten Fehlwurf – werft neben Verpackungen auch kaputte Pfannen oder Plastikeimer in die gelbe Tonne. „Fakt ist: Egal wer sammelt, Hauptsache; es wird gesammelt“, unterstreicht Sascha Roth vom NABU.

Die eigentlich sinnvolle Wertstofftonne scheitert oft
am Zank zwischen kommunalen und privaten Entsorgern.

Das größte Manko des Gesetzes ist jedoch, dass es sich auf den Umgang mit schon vorhandenem Abfall fokussiert – so als sei er unvermeidlich. Für die Reduzierung von Müll tut das Verpackungsgesetz so gut wie nichts.

Das beste Beispiel hierfür: die Mehrwegquote bei Getränkeflaschen. Ende 2021 soll sie bei 70 Prozent liegen. Wohl gemerkt: Sie muss nicht. Hersteller und Händler können sie ohne Sanktionen unterschreiten. „An diesem Punkt kann man klar erkennen, dass Abfallvermeidung keine ernsthafte Rolle für die Politik spielt“, empört sich Thomas Fischer, Leiter Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe, einer nichtstaatlichen Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation. Umweltexperten können es nicht fassen: Immerhin kann eine Mehrweg-Glasflasche bis zu 50 Mal neu befüllt werden. Anders ausgedrückt: Eine Mehrwegflasche ersetzt etwa 50 Einwegflaschen. Obwohl Deutschland immer noch das größte Mehrwegsystem Europas hat, fällt der Anteil der umweltverträglichen Getränkebehälter seit Jahren kontinuierlich. Derzeit liegt er bei nur noch 42 Prozent. Einwegflaschen aus PET (Polyethylenterephthalat) und zunehmend auch Getränkedosen überrollen die ökologisch deutlich sinnvollere Mehrwegflasche.Attraktiv sind die Einwegbehälter vor allem für Hersteller und Handel. Der Konzern Coca-Cola bietet in Deutschland überwiegend Einwegpfandflaschen oder -dosen an. Discounter haben von wenigen Ausnahmen abgesehen keine Mehrweggetränke mehr im Sortiment. So sparen sie sich die Lagerfläche für die Kästen und es muss nichts mehr sortiert, gereinigt und wieder befüllt werden. Die zurückgegebenen Einwegflaschen und -dosen werden nach der Rückgabe am Automaten direkt flachgedrückt und zu Materialbündeln verschnürt, die der Handel verkauft. Die Einnahmen der Händler aus dem Verkauf von PET-Ballen und zurückgenommenen Getränkedosen für das Recycling summieren sich auf geschätzte 68 Millionen Euro jährlich. Das Beispiel zeigt: Abfall ist Gold wert. Die Wohlstandsreste sind kein lästiger Entsorgungsfall, sondern Rohstoff und Wirtschaftsfaktor. Kein Wunder, dass Privatwirtschaft und kommunale Unternehmen eifersüchtig darum rangeln, wer was sammeln, verwerten und verkaufen darf. Die 11.000 Unternehmen der Kreislaufwirtschaft erwirtschaften hierzulande einen Umsatz von mehr als 70 Milliarden

Euro und eine Bruttowertschöpfung von 25 Milliarden Euro. 265 .000 Menschen sind in einer Kreislaufwirtschaft beschäftigt, das sind ebenso viele wie in der Energieversorgung. Außerdem sind mehrere Wirtschaftszweige darauf angewiesen, dass der Stoffstrom aus dem Müllcontainer nie versiegt. Kunststoff- und Chemieindustrie, Entsorgungsunternehmen und Recycler haben naturgemäß kein Interesse an weniger Müll. Mit Abfall wird ein schwungvoller weltweiter Handel getrieben. Denn je teurer Rohstoffe werden, desto attraktiver sind die aufbereiteten Alternativen. Altmetalle und sortenreine Kunststoffe lassen sich vielfach anstelle frischer Ressourcen nutzen, aber sie kosten weniger. Nach Berechnungen des Unternehmens Duales System Deutschland könnte der Markt für Kunststoffregranulate bis 2030 um das Siebenfache wachsen. Allerdings wird derzeit aus recyceltem Kunststoff häufig nicht wieder das gleiche Produkt wie vorher. Stattdessen
findet ein sogenanntes Downcycling statt. So eignen sich beispielsweise nicht alle wiedergewonnenen Kunststoffe für Lebensmittelverpackungen. Manche Hersteller meiden Rezyklate aus Imagegründen und nutzen sie dort, wo man sie nicht sieht, etwa in den Bodenbauteilen von Autos. Um den Markt für Rezyklate zu stärken, empfiehlt das Umweltbundesamt eine Rezyklatquote bei den Kunststoffverwertern. Geschäfte lassen sich aber nicht nur mit Abfall und Sekundärrohstoffen machen; auch die Technik zur Abfallbehandlung ist ein deutscher Exportschlager. Denn als Pionier der getrennten Müllerfassung hat Deutschland Erfahrung mit modernen Müllfahrzeugen, Sortier- und Verbrennungsanlagen sowie Schrottpressen. Doch auch wenn sich die Wiedergewinnung von Ressourcen lohnt: Die günstigste und ökologisch sinnvollste Variante ist immer noch die Abfallvermeidung. Jeder kann in seinem privaten Bereich etwas dafür tun, dass seine Mülltonne nicht überquillt: reparieren statt wegwerfen, möglichst wenig bzw. unverpackte Ware einkaufen, Mehrwegflaschen nutzen, zum Einkaufen eigene Beutel mitnehmen, auf den Coffee-to-go verzichten.

Doch an den wirklich großen Schrauben kann der einzelne Verbraucher nicht drehen. Wenn es um die Reduzierung der Abfallmenge geht, sind vielmehr Industrie und Handel in der Pflicht. Und die machen den Kunden den Verzicht auf Verpackungen zunehmend schwer. Viele Produkte sind aufwendiger als nötig verpackt. Der Grund: Verpackungen bieten Werbefläche und lassen durch ihre Gestaltung das Produkt hochwertiger erscheinen. Deshalb steckt zum Beispiel der Cremetiegel noch einmal in einer Pappschachtel. Außerdem lässt sich verpackte Ware leichter stapeln und hält länger. Das ist gerade bei Frischware ein Treiber: Laut einer Studie des NABU sind 63 Prozent des frischen Obst- und Gemüseangebots im Supermarkt vorverpackt. Der Kunststoffbedarf für Verpackungen ist zwischen den Jahren 2000 und 2014 bei Obst um 78 Prozent und bei Gemüse um 164 Prozent gestiegen. Auch Bio-Ware ist mit Plastik umwickelt, und zwar ausgerechnet um den Bio-Aufdruck auf die Packung setzen zu können. Den Herstellern entstehen durch die Verpackungsflut keine Nachteile. „In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Kosten für das Herstellen und Inverkehrbringen von Verpackungen halbiert. Es gibt keinen Anreiz, sparsam mit Ressourcen umzugehen. Und deshalb werden wir im Supermarkt zugemüllt“, sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe. Ginge es nach Umweltverbänden und Umweltbundesamt, würde man die Lizenzentgelte ökologisieren: Wer nur wenig verpackt und leicht recycelbare Verpackungen auf den Markt bringt, sollte deutlich weniger zahlen. Auch der Einsatz von recycelten Verpackungsmaterialien müsste belohnt werden. Dem größten Teil aller Abfälle ist ein zweites Leben nicht vergönnt, denn das Gros wird verfeuert. Das gilt nicht nur für den Restmüll, für gefährliche Stoffe und Verpackungen, die sich aufgrund ihrer Materialzusammensetzung nicht recyceln lassen. Das gilt auch für etwa die Hälfte aller getrennt gesammelten Materialien, ungeachtet der Tatsache, dass das Verfeuern in der Abfallhierarchie unter dem Recycling rangiert. Dennoch gilt Verbrennen als Verwertung, weil es nicht nur der Entsorgung dient, sondern Energie liefert und Primärressourcen ersetzt. In Deutschland sind 68 Müllverbrennungsanlagen in Betrieb mit einer Kapazität von etwa 20 Millionen Tonnen. Sie erzeugen Strom und Fernwärme. Zusätzlich gibt es 30 Ersatzbrennstoffkraftwerke mit rund fünf Millionen Tonnen Kapazität. Sie versorgen in der Regel angeschlossene Produktionsstandorte mit Strom, Wärme und Prozessdampf. Insbesondere die energieintensive Zementindustrie verbrennt Abfälle. Altholz wird in Bio-Masse-Heizkraftwerken in Strom und Wärme umgewandelt. Innerhalb der Branche spricht man daher lieber von „waste to energy“, also Abfall zu Energie, als von Müllverbrennung. Die alte Heizwertklausel ist allerdings 2016 aus dem Kreislaufwirtschaftsgesetz gestrichen worden. Sie besagte, dass energetische und stoffliche Verwertung gleichrangig sind, wenn der Brennwert des Abfalls mindestens 11.000 Kilojoule pro Kilogramm beträgt.

Müll ist ein Wirtschaftsfaktor, die
Abfalltechnik ein Exportschlager.

Die Diskussion über Sinn und Unsinn der Verfeuerung wird von den Interessen der verschiedenen Akteure der Kreislaufwirtschaft bestimmt. Da die klassischen Müllverbrennungsanlagen meist in kommunaler Hand sind, verwundert es nicht, dass der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) meint, stoffliche Verwertung und Verbrennung seien keine Gegensätze, sondern würden sich ergänzen. „Das Unternehmen Duales System Deutschland, dessen

Zu wertvoll für die Müllverbrennung? Das kommt
ganz auf den Standpunkt des Betrachters an.

Daseinsberechtigung das Getrenntsammeln und die stoffliche Verwertung von Verpackungen ist, hält unterstützt von einer Studie des Freiburger Öko-Instituts dagegen: „Unter Umweltgesichtspunkten ist Recycling den Verfahren der energetischen Verwertung überlegen. Dies gilt insbesondere dann, wenn man neben den klassischen Wirkungskategorien der Öko-Bilanz auch Aspekte wie den Ressourcenschutz und die Umweltbelastung durch die Rohstoffgewinnung berücksichtigt.“ Das sieht Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe ganz genauso: „Verpackungen sind Wertstoffe. Diese zu erfassen und daraus neue Produkte herzustellen, ist immer umweltfreundlicher, als energie- und ressourcenintensiv hergestellte Rohstoffe zu verfeuern und zu zerstören.“ Das Schlagwort „waste to energy“ hält der Experte für Unfug: „Der Anteil der Abfallverbrennung an der Energieerzeugung in Deutschland ist so minimal, dass er überhaupt keine Rolle spielt. Es ist wesentlich sinnvoller, erneuerbare Energien zu fördern als wertvolle Materialien mit niedrigem Wirkungsgrad sinnlos zu verbrennen.“ Schon jetzt könnten Müllverbrennungsanlagen dicht gemacht werden, würden zum Beispiel konsequent recyclingfähige Verpackungen angeboten und würde der Bio-Müll endlich in der dafür vorgesehenen Tonne und nicht im Restmüll landen. Doch schließen will man die Verbrennungsanlagen nicht, denn die Betreiber wollen, dass sich ihre Investitionen auszahlen und dafür müssen die Anlagen jahrzehntelang laufen. Deshalb sieht die Lösung so aus: Deutschland betätigt sich als „Müllstaubsauger“ Europas. Die Bundesrepublik importiert Abfälle aus dem Ausland und verbrennt sie. Das offizielle Argument: Besser, der Müll wird hier verbrannt, als in den Herkunftsländern deponiert. Kreislaufwirtschaftsexperte Fischer kontert: „Die Müllimporte sind genau das Falsche. Damit verhindert man auf lange Zeit den Aufbau einer Kreislaufwirtschaft in unseren EU-Nachbarstaaten. Wenn sie ihren Müll einfach nach Deutschland karren, müssen sie kein Geld in die Hand nehmen, um eigene Sammelsysteme, Sortier- und Recyclinganlagen aufzubauen.“

Nach dem Verbrennen bleiben hochgiftige Schlacken und
Filterstäube – Hunderttausende Tonnen jährlich.

Ein Problem, das uns auf sehr lange Zeit begleiten wird, ist der Umgang mit dem Rest vom Rest. Beim Verbrennen von Abfällen bleiben Schlacken und hochtoxische Filterstäube zurück. Diese mit Dioxinen, Schwermetallen und Furanen belasteten Rückstände kann man nicht weiter zerstören, man muss sie endlagern. „Wir reden hier nicht von kleinen Mengen, sondern von Hunderttausenden Tonnen pro Jahr“, unterstreicht Thomas Fischer. Sie werden untertage versetzt, in Stollen oder in trockenes Salzgestein verfüllt. Doch irgendwann sind die Kapazitäten ausgefüllt und man kann nie wissen, ob die Gifte nicht früher oder später doch freigesetzt werden – etwa durch Ablaugung oder steigendes Grundwasser. „Das ist eine Hypothek für die Zukunft. Die Frage ist doch: Möchte unsere Gesellschaft sich das leisten? Oder sollten wir nicht lieber Müll vermeiden, damit am Schluss wenig verbrannt und wenig Giftmüll eingelagert werden muss?“, gibt Sascha Roth zu bedenken. Dass im Müll Gefahr und Geld zugleich steckt, erkennt man nirgends besser als auf alten Mülldeponien. In der Ära vor Mülltrennung und Deponieeinschränkungen landete alles kunterbunt gemischt auf der Halde: Metall- und Elektroschrott, Plastik, Glas. Es gibt Überlegungen, diese Ressourcen zurückzuholen; Urban Mining oder Landfill Mining wird das genannt. Das Umweltbundesamt bescheinigt dem Abbau der menschengemachten Lagerstätten großes Potenzial: „Urban Mining wird in den kommenden Jahrzehnten bei der Fortentwicklung der Kreislaufwirtschaft erheblich an Bedeutung gewinnen.“ Die Behörde geht davon aus, dass auf Müllhalden „enorme Mengen“ an wertvollen Stoffen lagern, die in Deutschland nicht oder nicht mehr aus geologischen Reserven zu gewinnen sind. So entspricht der Goldanteil eines durchschnittlichen Mobiltelefons dem von 16 Kilogramm Golderz. Schätzungen zufolge verschwinden 4,5 Prozent der weltweiten Tantal-Produktion im deutschen Hausmüll, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Tantal braucht man für Computerbauteile und Mobiltelefone. Zugleich bergen Deponien Gifte wie Asbest und Dioxine. Außerdem entsteht bis heute in ihrem Inneren klimaschädigendes Methan. Diese Gifte zu sichern und zu entsorgen ist aufwendig und teuer. Deshalb muss man abwägen, ob sich das Risiko und der finanzielle Einsatz lohnt, um Schätze aus dem Müll zu holen. Abhängig ist der Erfolg des Urban Mining von der Preisentwicklung bei Primärrohstoffen: Je knapper und teurer die Ressourcen werden, desto eher lohnt sich der Rückgriff auf die Reste. Noch sei der Abbau der Lagerstätten nicht profitabel, meinen Fachleute. Doch zwischen 2025 und 2035 könnten erste deutsche Deponien wirtschaftlich rückgebaut werden.

BIO-ABFALL
Gut vier Millionen Tonnen Bio-Abfall werden jährlich in Deutschland gesammelt. Es könnten allerdings nach Berechnungen des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) sogar neun Millionen Tonnen sein, wenn nicht ein beträchtlicher Teil des Bio-Abfalls aus den Haushalten im Restmüll landen würde. Eigentlich sind die Kommunen zwar seit 2015 verpflichtet, eine separate Bio-Mülltonne zu stellen. Aber nicht alle Städte und Gemeinden halten sich daran. Aus getrennt gesammelten Bio-Abfällen stellt man Kompost und Dünger her. Ein Teil wird zu Bio-Gas umgewandelt, dient also der Energieerzeugung. Strauchschnitt wird in Bio-Masse-Heizkraftwerken verbrannt und erzeugt ebenfalls Energie. Die Asche wird zu Dünger.

KUNSTSTOFFE
Mischkunststoff lässt sich kaum recyceln. Deshalb wird dieser Materialmix in der Regel verbrannt. PET {Polyethylenterephthalat) wird als Sekundärrohstoff genutzt, um zum Beispiel Polyesterfasern zu produzieren, die wiederum zu Fleecestoffen verarbeitet werden. PE {Polyethylen) und PP (Polypropylen) eignen sich beispielsweise, um Folien herzustellen. Aus wiedergewonnenem Kunststoff entstehen auch Autoarmaturen, Abflussrohre, Pflanzkübel oder Parkbänke.

GETRÄNKEKARTONS
Marktführer Tetra Pak behauptete lange Zeit, 70 Prozent der Behälter würden recycelt. Deshalb galten sie als ökologisch vorteilhaft und wurden von der Pfandpflicht befreit. Inzwischen ist bekannt: Nur die Hälfte der angegebenen Menge, etwa 36 Prozent, wird stofflich wiederverwertet. Die Kartons bestehen aus einem Materialmix {Papier, Kunststoff, Alu), der das Recycling aufwendig macht. Zurückgewonnen werden vor allem die Aluminiumfolie und das Papier, aus dem zum Beispiel Eierkartons oder Wellpappe gemacht werden.

METALL
Weißblech, Eisen und Aluminium aus dem Abfall werden eingeschmolzen. Das Material kann zu neuen Aluminium-oder Weißblechdosen verarbeitet werden. Sekundärrohstoffe aus Metall finden sich auch in Karosserien, Kühlschränken und anderen Stahlerzeugnissen.

ALTGLAS
Das Sammelgut wird eingeschmolzen und fast vollständig neu genutzt. In Deutschland wird bei der Behälterglasherstellung bis zu 90 Prozent Altglas eingesetzt. Allein in Deutschland werden jährlich drei Millionen Tonnen Altglas in rund 300.000 Containern gesammelt. Die Trennung der Glasbehälter nach Farben ist wichtig, denn klares Glas lässt sich eben nur aus durchsichtigen Scherben gewinnen. Selbst wenn es so aussieht: Im Lkw, der die Container leert, wird das farblich getrennt entsorgte Glas nicht zusammengekippt, sondern in verschiedene Kammern geschüttet. Im Verwertungsbetrieb findet eine optische Nachsortierung statt und Fremdstoffe werden entfernt. Nutzt man Altglas um neue Behälter herzustellen, sinkt der Energieeinsatz um 25 Prozent, da die Temperaturen beim Einschmelzen nicht so hoch sein müssen.

PAPIER, PAPPE UND KARTON
Papier und Pappe werden derzeit zu mindestens 80 Prozent recycelt. Recyclingpapier oder Wellpappe werden aus Altpapier gefertigt; Zeitungen fast vollständig auf wiedergewonnenem Papier gedruckt. Die Produktion von Recyclingpapier braucht nur halb so viel Energie wie die Herstellung von Ware aus neuen Rohstoffen. Mit 66 Prozent ist der Grad der Wassereinsparung sogar noch höher. Allerdings fallen beim Recyclingprozess Abfälle an wie die sogenannten Spuckstoffe und Papierschlämme, Mischungen aus Fasern, Verbundstoffen, Druckfarben, Klebstoffen und anderen Resten. Diese Abfallprodukte werden in Müllverbrennungsanlagen verbrannt.
ELEKTROSCHROTT
7,6 Kilogramm Elektro- und Elektronikschrott gab laut Eurostat-Statistik jeder Deutsche im Jahre 2014 in die Sammlung. Den Schrott können die Bürger seit etlichen Jahren kostenlos bei‘ kommunalen Sammelstellen entsorgen. Die Hersteller sind verpflichtet, die Altgeräte zurückzunehmen und zu verwerten. Manchem ist aber der Transport zum Sammelplatz zu aufwendig. In Gewichtsanteilen gemessen werden nur etwa 33 Prozent der in Verkehr gebrachten Geräte am Ende ihres Lebens gesammelt.

Ein erheblicher Teil wird über den Hausmüll entsorgt, so die Vermutung des Bundesverbandes der deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE). Dabei sind die ausgedienten Laptops, Smartphones und Fernsehgeräte eine Goldgrube. Sie enthalten unter anderem Edelmetalle sowie die begehrten Seltenen Erden. Neben Wertvollem steckt allerdings auch jede Menge Gift im E-Schrott, zum Beispiel Flammschutzmittel, Blei und Quecksilber. Diese Gefahrenstoffe müssen sicher entsorgt werden. Dennoch werden jährlich allein aus Deutschland etwa 155.000 Tonnen Elektro- und Elektronikschrott in die Entwicklungsländer exportiert und dort teilweise unter primitivsten Bedingungen und ohne jede Rücksichtnahme auf Gesundheit und Umwelt auseinandergenommen, um an die wertvollen Komponenten zu kommen. Rechtlichen Problemengehen die Versender aus den reichen Ländern aus dem Weg, indem sie ihre Lieferungen nicht als Schrott, sondern als gebrauchsfähige Secondhandware deklarieren.